Wehe, der Flaschengeist wird geweckt
Die Dinge des Lebens - Wir rezensieren Berlin


Es muss mit den Sinnen zusammenhängen, denn schon am Theater hat Lothar Ruff die Augen und Ohren der Zuschauer versorgt. Dann geht sein Chef, und der Dramaturg braucht eine neue Perspektive. "Sie wissen ja, wie das ist. Man hat immer Freunde und Feinde." Ohne den Schutz des mächtigen Intendanten wackelt plötzlich sein Stuhl am Renaissance-Theater.

Ruff verlässt die Bühne und kommt doch nicht über Charlottenburg hinaus. Stattdessen versammelt er nun flüchtige Essenzen aus aller Welt in einem Laden: chinesische Rose und kalifornische Grapefruit, indischer Pfeffer, blaue Wiesenglockenblume und Lavendel aus Frankreich. Ordentlich reihen sie sich als Parfüms in den Regalen von "The English Scent". Doch wehe, wenn Ruff eine der unzähligen Flakons öffnet und deren Flaschengeist weckt. Dann herrscht Anarchie, spielt die Nase verrückt, und hinterher kann man nie wieder in eine gewöhnliche Parfümerie gehen und ganz selbstverständlich ihre typischen Düfte kaufen.

Solche, wie sie die Industrie am laufenden Band kreiert. Mit einer schlappen Erinnerung an Vanille, der aufdringlichen Note von künstlichem Moschus und einer Verbeugung vor all den anderen chemischen Substanzen aus dem Labor. Echte Vanille kostet so viel mehr als ihr synthetisches Pendant; das treibt die Preise hoch. "Neroli" wiederum, ein androgyner Duft von Czech & Speake, riecht nach Bitterorangen: Aus tausend Kilo Blütenblättern wird ein Kilo Duftöl destilliert. Ist es da ein Wunder, wenn die englische Firma hundert Euro für eine Flasche ihres Parfüms verlangt?

Alle Düfte, die Lothar Ruff in seinem Laden bändigt, kommen aus England. Weshalb sich tradierte Firmen wie Penhaligon's oder Floris und selbst die puderigen Verpackungen von Bronnley seit Jahrhunderten halten, kann er nur mutmaßen. Möglich, dass dort nicht einer wie der andere riechen mag. Dass man nicht nur den Euro skeptisch betrachtet, sondern auch jede olfaktorische Globalisierung ablehnt. "Vielleicht liegt es aber auch an der Exzentrik des Landes", meint Ruff noch. Da öffnet sich wie auf ein Stichwort die Tür, und herein kommt ein Mann in engem, schwarzem Leder. "Haben Sie "Lily of the Valley"?", fragt er leise und etwas aufgeregt. Seit er aus England zurückgekehrt sei, fehle ihm sein Lieblingsduft von Floris - der nach Maiglöckchen. Ruff hält auch dieses süße Extrem bereit, für vierzig Euro die kantige Flasche.

So ist das immer. Die meisten Kunden haben ihr Parfüm woanders kennen gelernt und finden es nun wieder. Sie probieren nicht weiter, stellen es neben die Kasse und nehmen noch "Somerset's Shaving Oil" mit. Oder eine dreifach gesiedete Seife, die nach Mandeln und Aprikosen riecht. Manchmal verirrt sich jemand auf der Suche nach einem modischen Duft zu "The English Scent". Wenn er herauskommt, ist er meist geheilt und kann dem tiefen, individuellen Duft von zarten Rosen, dunklem Weihrauch, grünem Farn und schwerem Jasmin nicht mehr widerstehen.

Lothar Ruff jedenfalls ist für immer infiziert, selbst wenn der Start als Parfümimporteur ein schwieriger war und ihm niemand Kredit geben wollte. Doch wofür hat man einen Dickkopf? Den setzte Ruff erfolgreich durch. Selbst die Ratschläge von Freunden, die seine Leidenschaft anfangs für ein ruinöses Hobby hielten, schlug er vor fast zehn Jahren in den Wind. Der ehemalige Dramaturg folgte einfach seiner Nase - und auch die ist ein Sinnesorgan.


Christiane Meixner, 17. Dezember 2003, Berliner Morgenpost