Kölner Stadtanzeiger vom 29.06.2002

29.06.2002

 

EDEL GESTRIEGELT

 

Bluebell und Bartwichse - Lothar Ruff verkauft die Düfte Englands

 

VON BETTINA V. KLEIST

 

Die Weite des Empires bemisst sich in Millilitern. Wer riechen will wie die Royals, wählt unter den Flakons von Floris in königlichem Blau. Zwischen herb und weich changiert das "Royal Cologne", das Trumper eigens für Prince Charles zur Hochzeit kreierte. Flaschen und Phiolen mit grünen, gelben und blauen Essenzen stehen Spalier auf Mahagoniregalen. Neben Flakons aus Kronenglas ruhen dreifach gesiedete Seifen in edlen Holzschatullen. Bluebell, Lily of the Valley und Wellington heißen die Parfums, Toilet Waters und Bath &; Shower Gels, deren betörender Duft den kleinen Laden erfüllt. Auf einem Sekretär sind Rasierpinsel aus Dachshaar, Sensor-Rasierer mit liniertem Chrom-Handgriff und handgesägte Kämme drapiert. Fast keine Firma, die nicht zum Hoflieferanten geadelt wurde. Doch extra nach England braucht niemand zu reisen.

Hohe Bäume wölben sich in der ruhigen Niebuhrstraße in Berlin-Charlottenburg, in der Lothar Ruff Toilettenartikel gehobener Lebenskultur verkauft. Zwischen KuŽdamm und Kantstraße fast versteckt ein Geschäft, dazu noch mit diesem Namen? "The English Scent." Niemand gab ihm einen Pfifferling für seine Idee, als er vor acht Jahren jenseits der Ein-kaufsmeilen die Spitzenprodukte britischer Parfümeure unter einem Dach versammelte und damit ein Paradies für englische Düfte eröffnete, das mit solcher Auswahl selbst nicht in London zu finden ist.

Den kostbaren Düften verfiel er freilich schon in seinem ersten Beruf als Dramaturg, als er auf häufigen Englandreisen ein Geschäft der Firma Floris entdeckte. Bis 1730 reichen die Rezepturen, nach denen noch heute gearbeitet wird, erzählt Lothar Ruff und sprüht auf Pappstreifen Duftproben, deren florale Ingredienzien damals Furore machten. "Vorher hatte man schwere, animalische Düfte bevorzugt." Dass aus wertvollen Hölzern, Ölen und dem Pflanzenreichtum aus kolonialer Vergangenheit vor allem kostbare Essenzen für Männer gewonnen werden, verwundert nicht in einem Land, das der Geburtsort der Dandys und Exzentriker ist. Das opulente Nachschlagewerk in britischem Grün auf seinem Schreibtisch ist mit prominenten Namen bestückt: Oscar Wilde, Churchill, Charlie Chaplin, Kennedy.

Nicht in Paris, sondern in London nahe dem Royal Court von St. James und im Herzen von Gentlemans "Club-Land" kauften sie Herrendüfte, Haar- und Hautpflegemittel ein. Welchen Duft er selbst aufträgt, bleibt ein Geheimnis. Doch warum nicht darauf vertrauen, dass auch andere einen "kleinen Zipfel des Besonderen erhaschen wollen?", erläutert Lothar Ruff den Beginn seiner Leidenschaft und schließlich seinen beruflichen Rollentausch, als er in der vornehmen Jermyn Street noch andere jahrhundertealte Familienunternehmen ausfindig machte. Mag sein, dass er sich nach dem Abschied aus der Theaterszene auch seine eigene Bühne schuf. Freunden jedenfalls fielen die Scheinwerfer an der Decke sofort auf, erzählt der Berliner mit melodischer Stimme und prononciert jedes Wort noch ein wenig mehr. Von Anfang an bestand neben dem Laden ein Versandhandel. "The Art of Grooming" ("Die Kunst, sich zu striegeln") ist der Titel auf dem 30-seitigen Versandkatalog, der auch die wechselvolle Geschichte der Firmen skizziert und bis nach Hongkong Kunden für britischen Luxus wirbt.

Eine Frage der Weltanschauung, nicht nur des Geschmacks. "Jeder ist auf der Suche nach einem Duft, der seine Persönlichkeit symbolisiert." Und jede Riechprobe trägt zu der Einsicht bei, dass die Wahl des passenden Parfüms keine Sache von Minuten ist, es allenfalls temporäre Vorlieben geben kann. Rund 150 Produkte umfasst sein Ladensortiment - Pomaden, Brillantinen, Bartwichsen und andere Verlustartikel des Fortschritts nicht eingerechnet, die der Morgen- und Abendtoilette die Weihe einer rituellen Handlung verleihen.

Exklusivität freilich hat ihren Preis. Und Qualität ist nicht billig zu haben. "Für eine Flasche Rosenöl braucht man fünf Tonnen Rosenblüten. Das macht die internationale Duftindustrie synthetisch schneller und preiswerter. Natürliche Düfte entfalten sich auf der Haut zu Basis-, Herz- und Kopfnoten. Synthetische Düfte sind immer linear." Das erklärt auch den preislichen Unterschied zwischen Essenzen aus handgepflückten Blüten und seltenen Hölzern zu den Trenddüften, die von Chemikern in den Labors von Waschmittelkonzernen "kreiert" werden. Etwa 40 Euro kostet die 100-ml-Flasche Classic Cologne aus viktorianischer Zeit von Harris, einer Firma, die bis heute kein einziges Mal Werbung machte. Wer tiefer in die Tasche greifen will, kann sich mit dem Eau-de-Toilette-Spray "Oxford &; Cambridge" für 100 Euro verwöhnen oder sein Gästezimmer mit einer Haarbürste schmücken, die glatt das Doppelte kostet, dafür aber lebenslang haltbar ist. So vornehm schlicht freilich sind die Klassiker unter den Düften bald nicht mehr zu haben. Bekümmert nimmt Lothar Ruff die neuen Lieferungen ins Visier. Der Vormarsch pastellfarbener Verpackungen und unzerbrechlicher Travel-Packs: eine bedauerliche Konzession an den Zeitgeist. Sogar Floris verabschiedet sich langsam vom monarchistischen Blau. So lange es Clive ChristianŽs Crown Perfumery gibt, braucht man jedoch um den Fortbestand von Qualität und Luxus nicht zu fürchten. 1800 Euro kostet die "No 1" englischer Parfümkunst, die im Bleikristall-Flakon mit handgefertigtem Kronen-Propfen 30 ml extravaganten Duft enthält.

Der Luxus individueller Beratung ist gratis. Zweieinhalb Stunden suchte Lothar Ruff, bis schließlich der richtige Duft für eine Dame gefunden war. Ihr Geschäft gehört eigentlich auf den KuŽdamm, schlug ihm die Kundin hochzufrieden vor. Seine Antwort: "Glauben Sie, dass ich dort so viel Zeit für Sie gehabt hätte?"

 

Autor: BETTINA V; KLEIST